aufzunehmen in die fünf-beste-Themen-für-eine-Dissertation- die-dann-aber-doch-nicht-geschrieben-wird-Liste:
"wenn schreiber übers schreiben schreiben", nachzulesen bei borges, king, vargas llosa, süsskind, eco, usw. (analyserahmen: autopoetiken vs. rezeptionsgeschichte)
"cesar aira auf pappe. lateinamerikanische avantgarde- und independent-verlage." (fokus: bestandsaufnahme, soziokulturelle analyse -warum so? warum jetzt?-, historischer vergleich)
"auswege für den geist. deutsche geisteswissenschaften zwischen selbstverteidigung und selbstaufgabe." (gretchenfrage: wie hälst du es mit der tradition?)
weiter bin ich noch nicht. blorges fehlen zwei themen für die liste! wer kann mir helfen?
wer es nicht so mit narratologie in scheibchenform hat und auch sonst nicht weiß, wie er prä- von suffixen unterscheiden und das wortgeklapper in der mitte noch dazu verstehen soll, dem sei an dieser stelle allerwärmstens ein riesenmaschinen-eintrag von sascha lobo empfohlen, der so ziemlich alles an begriffen, die man für eine gediegene stehpartyposernummer braucht, anhand eines prenzlauer kellers zurechterklärt.
bravo, mr. lobo, das nenne ich arbeit.
ach so, und wer die riesenmaschine auch ohne wlan lesen möchte, kann sich das wunderbare best-of-buch von heyne kostenneutral gleich ganz runterladen und staunen, wie gut online auch offline geht.
ich will das jetzt mal unakademisch versuchen, denn ich habe keine lust, mich selbst zu langweilen, aber eins ist doch klar:
das netz hat porn endgültig zu einem substantiellen teil unserer massenkulturen gemacht, wenn auch leider ohne bedeutendes entwicklungspotenzial. es differenziert sich nur aus und wächst in kaum vorstellbarem maße. porn macht mode (auch wenn das französische label SHAI seinen sehr expliziten modekatalog wieder aus dem Netz genommen hat), porn wird studiert, porn wird jederzeit in täglichen 36-häppchen verfügbar konsumiert (diesen link NICHT im büro anklicken) wie eine tageszeitung, besser: wie ein filterkaffee am nachmittag: erleichternd, belanglos, manchmal nötig, schal. und porn ist mindestens so 2.0 wie das netz selber: wir sind porn. es gibt kein drittes anderes, es gibt keine kontrolle, es gibt keine verschwörung.
denn - und das ist der zweite punkt: wir sind die medienproduzenten unser eigenen existenz. wir sind Truman, wir machen die Show. wir sind EdTV, wir sind der minutenaktuelle cnn-journalist, eingebettet in uns selbst.
wird ent-essentialisieren die kunsttradition zweier jahrhunderte, in denen die inszenierung der eigenen biographie ein berufszweig des künstlers oder eine aufgabe des zeugen wurde. wir überführen die notwendige selbstverortung in einem sozialen netz in die simulation einer kommunikation durch die maschine. unser sicherheitsabstand, unser schutzradius von einem zu anderthalb metern, er ist jetzt der bildschirm, die kamera, die tastatur. wir tauschen ihn ein und verlagern das schamgefühl ins nichts. vor einer maschine gibt es keine scham. in diesem sinn ist eine maschine wie ein haustier.
das gesagt, stehen sie schon an der ecke: die ethnographen des digitalen, und beginnen das gebet einer neuen heilsgeschichte.
P.S.: dies ist übrigens kein YouTube-Werbevideo, sondern die arbeit einer forschergruppe. offenbar muss man sich hier für pathos nicht entschuldigen. tatsächlich gibt es schlimmere vergehen als dieses.
also können wir ruhig noch ein kleines webberwonderland-video zeigen. dieses hat sogar einen gewissen didaktischen wert:
ach so, und dass unsere gesellschaft von porn durchsetzt ist, weiss natürlich auch die literatur. da wird im heutigen berlin mitte (dem die duden-redaktion in ihrer neuesten ausgabe verboten hat, von sich selbst als 'szene' zu sprechen) artig in der gebetsmühle gevögelt und ... ach, eigentlich wurde (da: in der literatur) schon immer gevögelt.
walter benjamin in seinem berühmten aufsatz "die aufgabe des übersetzers" (man könnte einiges hieraus zitieren):
wie nämlich die übersetzung eine eigene form ist, so läßt sich auch die aufgabe des übersetzers als eine eigene fassen und genau von der des dichters unterscheiden. sie besteht darin, diejenige intention auf die sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das echo des originals erweckt wird.
habe gerade das literaturportal des deutschen literatur archivs marbach entdeckt. gut für literaturwissenschaftler, wenn auch als seite konventionell und etwas, nun ja, drüsch. aber auch die philologen müssen nicht jeden tag das netz neu erfinden.
viel wichtiger: das o-ton-archiv der seite. ich höre gerade dem sagenhaft schnorrigen ernst bloch dabei zu, wie er über brechts lyrik redet. stimme, timbre, ernsthaftigkeit einer anderen epoche, eines wahrhaft anderen jahrhunderts. so redet heute keiner mehr. keine akademische verschiebung des ausdrucks, kein verstecken des arguments, der position vor den worten eines uneindeutigen diskurses.
unglaublich: bloch bedient sich keines einzigen terminologischen fachvokabulars. er bleibt so nahe an den texten selbst wie an seiner eigenen lesart, alles hier ist sein persönlichster brecht. wie er sich selbst ins wort fällt! wie er erklärt! wie er DEMUT vor den texten zeigt, das ist große deutungskunst.
kein wunder, dass die tübinger studenten sich diesen mann auf ihre fahnen schrieben.
seit wenigen stunden liegt ein roter, kleiner blätterhaufen vor mir und nennt sich ganz forsch
explorations on post-theory: toward a third space
eine aufsatzsammlung, die den beginn einer post-theory postuliert, die wir als ergebnis von postmoderne, feminismus, dekonstruktion und dem ende von logo- und eurozentrismus (und der phallo-?) annehmen und erkennen sollen, wollen wir nicht in einer rückbezugslosen akademia versauern, die disziplingrenzen zu ihrem fetisch und anwendung zu ihrem fremdwort macht. an die stelle einer totalen verunsicherung tritt die herausforderung eines anderen denkens. das meint freiheit zu denken, das meint, so de toro, eine neue disziplin.
...just to give you an idea...
"this new reality, which some call interdisciplinary or transdisciplinary, is, in fact, nothing of the sort, since the inter- and trans- both contain the -disciplinarity. this reality ist post-theoretical, which in this context means a virtual epistemological space in constant transformation; an epistemological space which cannot entertain the very notion of discipline since this would entail a synchronic freeze [!], an articulation of sorts. it finally means, that knowledge has been pried open and now the site is unobstructed by the sclerotic thinking within the narrow and ever-limiting margins of disciplinarity. at long last we can finally think, and think with disrespect. but be careful, since this freedom is even more demanding and requires greater discipline."
"der verlust von endgültigem halt ist absolut. in allem."
ich frage mich durchaus, ob es zur beunruhigung anlass gibt, dass ich diese notiz in meinem heft fand nur kurz nach drei seiten wüst mitgeschriebener aufzeichnungen aus einer vorlesung, die ich vergangenen dezember in einer berliner buchhandlung miterlebt habe. so ganz in der nähe also von wörtern wie:
"zwischen kritik und zäsur" "was ist mit velazquez?" "formale und geradezu architektonische konstruktion von musik" "das moderne denken ist ein zutiefst tragisches, da es in seinen hoffnungen einer wie auch immer guten zukunft scheitert. scheitern muss. diese tragödie der moderne ist in der postmoderne ein spiel."
(es drängt sich ein "trauerspiel"-wortspässchen auf, ich kann es aber gerade noch unterdrücken)
dafür kommt's jetzt dick:
"postmoderne kultiviert die geste der indifferenz gegenüber dem reflexivem grundmoment der moderne und setzt diesem die intensität des erlebten (erzeugung von 'präsenz-effekten') entgegen."
"dieser präsenz-effekt zielt - z.b. in der architektur - stark auf den körper."
hier müsste jetzt das ein oder andere - scheint mir - ergänzt werden, aber so sehr ich auch in dem heft suche, ich finde keine flecken mehr.
scheitert an dem versprechen neuer inhalte durch die illusion einer neuen form.
sie ist nicht neu. sie dynamisiert nur die vorhandenen funktionsprinzipien des textes. er ist, so wie er ist, schon immer gewesen.
kombinatorik gibt ihm eine neue lektüregeschwindigkeit, eine alternierende chronologie. der faktor zeit erlaubt einen gewissen grad an inszenierung. die einbindung anderer zeichensysteme relativiert den absoluten wert der buchstaben (er schränkt sie ein).
aber das alles ist nicht neu. es ist nicht fundamental anders zu dem kosmos an künstlerischen, ästhetischen, theoretischen und alltäglichen ausdrucksformen von schrift, die seit jahrhunderten, seit jahrtausenden entwickelt werden.
das alles (hier: das digitale) ist nur ein neuer grad der ausdifferenzierung.