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Dienstag, 24. Februar 2009

Aristoteles' Poetik zum Vorschlagen, neu übersetzt




Aristoteles: „Poetik“. Übersetzt und erläutert von Arbogast Schmitt. In: „Aristoteles“. Werke in deutscher Übersetzung. Begründet von Ernst Grumach, herausgegeben von Hellmut Flashar. Band 5. Akademie Verlag, Berlin 2008. XXVIII, 789 S., geb., 98,-.



S. dazu im Feuilleton der FAZ: Der wahre Aristoteles. Von Otfried Höffe

Freitag, 19. Dezember 2008

relationales Denken bei Humboldt

Aus Alexander von Humboldts Examen critique:

Alles was zur Bewegung anregt, möge die bewegende Kraft sein welche sie wolle, Irrthümer, unbestimmte Muthmaßungen, instinktmäßige Divinationen, auf Thatsachen gegründete Schlußfolgen, führt zur Erweiterung des Ideenkreises, zur Auffindung neuer Wege für die Macht der Intelligenz.

Montag, 17. März 2008

the medium is the message

Borges war ein elitärer Schriftsteller und wird es bleiben, sofern man das wertfrei sagen kann. Er wandte sich an die, die ihm zuhören mochten, und scherte sich nicht um die anderen. Vielleicht ist das der Schlüssel zu seiner Doppelköpfigkeit, wie sehr es sich auch lohnen mag, Borges im Licht der Computerbildschirme zu studieren: Er scherte sich nicht, während sich das Internet gefräßig um alles und jedes schert, auch das Blödeste und Niedrigste. Dafür brauchen wir es, gewiss, und offenbar wollen wir es sogar und sind also selbst schuld: aber zugleich entfernen wir uns von der Möglichkeit zur Versenkung, die vor der Ankunft dieses konzentrationstötenden Mediums einmal existierte.

Paul Ingendaay, F.A.Z. vom 12. Februar 2008, S. 31

Samstag, 15. März 2008

how to: leben (allgemein)

ich arbeite jeden tag zehn bis zwölf stunden, gehe jeden tag ins café, treibe keinen sport und schreibe nur, was ich selber gerne lese. ich versuche, nie länger als eine woche an einem ort zu sein, mein vorbild sind die todeswandfahrer, die früher auf rummelplätzen aufgetreten sind, als es noch kettenkarussells und schiffsschaukeln gab. ich fragte mich: wie schaffen die es nur, nicht abzustürzen? bis ich im physikunterricht lernte, dass die zentrifugalkraft stärker sein muss als die zentripetalkraft.

das ist alles worauf es im leben ankommt.

henryk m. broder, cicero 5/2007

Dienstag, 22. Januar 2008

Zum Jahr der Mathematik

Die Geistesarbeit zeigt sich in ihrer erhabensten Größe da, wo sie, statt äußerer materieller Mittel zu bedürfen, ihren Glanz allein von dem erhält, was der mathematischen Gedankenentwickelung, der reinen Abstraction entquillt. Es wohnet inne ein fesselnder, von dem ganzen Alterthum gefeierter Zauber in der Anschauung mathematischer Wahrheiten, der ewigen Verhältnisse der Zeit und des Raumes, wie sie sich in Tönen und Zahlen und Linien offenbaren.
Alexander von Humboldt, Kosmos, Bd. II, S. 394 (S. 382 nach der Neu-Ausgabe, Eichborn 2004)

Versehen mit einer Fußnote (von Alexander) zu Wilhelm von Humboldts gesammelten Werken, Bd. I, S. 11.

Mittwoch, 16. Januar 2008

y el cuento se acabó

JUANJO IBÁÑEZ (España): “Desinencia” (19 palabras)

Cuando estaba escribiendo el cuento más breve de su vida, la muerte escribió otro más breve todavía: ven.
herausgefischt und aufgelesen vom Großmeister der microrrelatos David Lagmanovich.

dieser post ist ein update zu

nanoficción - microrrelato

Mittwoch, 21. November 2007

nanoficción - microrrelato

ALEJANDRO JODOROWSKI (México): “Después de la guerra” (38 palabras)

El último ser humano vivo lanzó la última paletada de tierra sobre el último muerto. En ese instante mismo supo que era inmortal, porque la muerte sólo existe en la mirada del otro.

En: Lauro Zavala, Minificción mexicana, p. 198

JAIRO ANÍBAL NIÑO (Colombia): “Cuento de arena” (33 palabras)

Un día la ciudad desapareció. De cara al desierto y con los pies hundidos en la arena, todos comprendieron que durante treinta largos años habían estado viviendo en un espejismo.

En: Henry González Martínez, La minificción en Colombia, p. 60

MÓNICA LAVÍN (México): “Motivo literario” (32 palabras)

Le escribió tantos versos, cuentos, canciones y hasta novelas que una noche, al buscar con ardor su cuerpo tibio, no encontró más que una hoja de papel entre las sábanas.

Retazos, 1996

Gefunden in einem Aufsatz von David Lagmanovich.

Dazu passend:

Nanophilologie.

Literarische Klein- und Kleinstformen

Microrrelatos – Microficciones

Ein internationales Micro-Symposium am
Institut für Romanistik der Universität Potsdam

23. November 2007, ab 9 Uhr





Montag, 19. November 2007

ya está y todos estamos

aus dem kommunikationsmanager Medien-Newsletter des F.A.Z.-Instituts:

Europa: Jugendliche nutzen Internet häufiger als Fernseher
Junge Europäer nutzen erstmalig häufiger das Internet als den Fernseher. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Mediascope Europe 2007" der European Interactive Advertising Association (EIAA), des europäischen Verbands der Onlinevermarkter. Europaweit sind 82 Prozent der 16- bis 24-Jährigen zwischen fünf- und siebenmal pro Woche im Netz aktiv, lediglich 77 Prozent sehen regelmäßig fern. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: 75 Prozent der 16- bis 24-Jährigen nutzen fünf bis sieben Tage die Woche das Netz, lediglich 66 Prozent sind regelmäßige Fernsehzuschauer.

Dienstag, 11. September 2007

Pulp friction - eine Nachlese

hätte Herr Hipp nicht bereits in den 50er Jahren angefangen, seinen vom antifaschistischen Vater übernommenen Konzern auf Bionahrung umzustellen, dann wären vermutlich die Grünen nie über ihre pränatale Protestphase hinausgekommen. So aber konnten sie Babynahrung schlürfen und schon mit Drei über grüne Landschaften meditieren (SZ vom Wochenende, 01./02.09.2007). Denn auf dieser Erde sind wir nur zu Gast, verehrte Jenny Erpenbeck,

aber bevor wir das Quartier insgesamt räumen, sind wir wie zur Vorübung immer wieder zu Gast: in fremden Wohnungen, Sommerhäusern oder Hotels. Wo auch immer wir kürzere oder längere Zeit verweilen, machen wir zumindest eine Tür auf, treten ein, atmen, sitzen vielleich auch auf einem Stuhl, essen von Tellern, trinken aus Gläsern, schlafen in Betten, [...] drehen beim Abschließen den Schlüssel nur einmal statt zweimal im Schloss, wie es der Hausherr sonst tut. (FAZ, Bilder und Zeiten, 01.09.2007)
Und da unser Trabant auch bei Zwangsverpflegung durch Mr. Hipp nicht mehr so ganz zu retten ist, machen wir uns mit L. Ron Hubbard Gedanken über schöne Reisen durch den Orbit und halten seiner ironiefreien Kirche ein gutes Stück Literaturkritik vor die Nase.

Oder wir fahren mit der SZ nach Barcelona, da gibt es Kultur und gutes Essen, das lenkt ab. Und wem das zu teuer ist, der geht zu Dolce Pizza in Schöneberg am Nollendorfplatz und schickt seine Geschmacksneuronen nach Neapel. Der Rest kann ja zuhause bleiben und verdauen.

Mittwoch, 16. Mai 2007

decent insults for the road

"He has never been known to use a word that might send a reader to the dictionary."
-- William Faulkner (about Ernest Hemingway)

"Poor Faulkner. Does he really think big emotions come from big words?"
-- Ernest Hemingway (about William Faulkner)

"He can compress the most words into the smallest idea of any man I know."
-- Abraham Lincoln

"I am enclosing two tickets to the first night of my new play; bring a friend.... if you have one."
-- George Bernard Shaw to Winston Churchill

"Cannot possibly attend first night, will attend second... if there is one."
-- Winston Churchill, in response

"I've just learned about his illness. Let's hope it's nothing trivial."
-- Irvin S. Cobb

"He is simply a shiver looking for a spine to run up."
-- Paul Keating

"He loves nature in spite of what it did to him."
-- Bette Midler

"He uses statistics as a drunken man uses lamp-posts...for support rather than illumination."
-- Andrew Lang (1844-1912)

"He has Van Gogh's ear for music."
-- Billy Wilder

Dienstag, 24. April 2007

conservapediatrika

blorges in panikstarre

heute morgen mit großem entsetzen bei der f.a.z. gelesen, dass es jetzt ein neo-konservatives gegenprojekt zu wikipedia gibt: conservapedia.com

so eine art reconquista der freien wissensbildung im netz, den feind mit seinen eigenen waffen schlagen, usw. ein web immer-eins-mehr-als-Du der kreationistenfraktion mit stars and stripes im quellcode.

dann - nach dem ersten verdauungskaffee - mal genau auf die seite geschaut. da steht jedoch noch nicht soviel. die neo-cons brauchen noch ein bisschen, bis das alternative wissen eingetippt ist. und später die erleichterung: keine sorge, freie welt. die bösen kriegsgewinnler haben das noch nicht so raus. ein paar halbbeschlagene cowboys mit dsl-anschluss, die auch mal mitreden wollen. schreiben z.b. süße sachen zur freiheit:

Whilst the bible (and other religious, philosphical and fictional text) clearly suggests that restricting the freedom to kill is a 'no brainer' - it is not so clear that restricting the freedom to burn a flag is similarly forbidden. Over such matters are wars started. War (while we are on the subject) in which the freedom to kill is reinstated (probably by God) is often perpetrated in order to allow a righteous army to kill shepherds who may one day threaten their lands with homicide attacks.
blorges ist froh, auch was zu Bush zu lernen:
Though the liberal media continues to disparage Bush's handling of the economy, they often neglect to report the many aspects of the economy that Bush has improved. For example, during his term Exxon Mobile has posted the largest profit of any company in a single year, and executive salaries have greatly increased as well.
May the Lord be with you, conservapedia. Because he'll be the only one patient enough to listen. der rest der welt kann ja derweil mit dem herrngott erbsen zählen gehen und fett verbrennen. oder flaggen.

Freitag, 29. September 2006

benjamin schreibt

walter benjamin in seinem berühmten aufsatz "die aufgabe des übersetzers" (man könnte einiges hieraus zitieren):

walter benjamin

wie nämlich die übersetzung eine eigene form ist, so läßt sich auch die aufgabe des übersetzers als eine eigene fassen und genau von der des dichters unterscheiden.
sie besteht darin, diejenige intention auf die sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das echo des originals erweckt wird.

walter benjamin, die aufgabe des übersetzers

Mittwoch, 13. September 2006

brecht schreibt

bei der lektüre von dietrich krusches monographie literatur und fremde bin ich auf zwei dinge gestoßen, die ich sehr bemerkenswert fand. zum einen: das wort EXZENTRISCH. es ist großartig. ex-zentrisch. ich hatte es noch nie so gelesen. ich hatte es, sozusagen, bisher noch nicht aus seiner fest gefahrenen, psychologisierenden semantik ex-zentriert.

zweitens: ein kurzer text von brecht (sollte man wahrscheinlich kennen, aber ich wieder mal...lese, finde es toll und bin überrascht. für die anderen: entschuldigt den speckigen hut, von so vielen schon getragen). voilá:


die frage, ob es einen gott gibt

einer fragte herrn K., ob es einen gott gäbe. herr K. sagte: "ich rate dir nachzudenken, ob dein verhalten je nach antwort auf diese frage sich ändern würde. würde es nicht sich ändern, dann können wir die frage fallenlassen. würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: du brauchst einen gott."

bertolt brecht, kalendergeschichten


Dienstag, 12. September 2006

Flaubert schreibt

kürzlich stieß ich in einem interview der wiener stadtzeitung falter bereits auf dieses flaubert-zitat und lese es jetzt erneut in moras rede zu ehren von ingeborg bachmanns 80stem geburtstag. bachmann selber zitiert flaubert so, wenn auch leicht abgewandelt (bei ihr geht das recht verloren oder, wie mora vermutet: der trotz und heroismus) in malina, roman der bachmann, 1971 erschienen.

im grunde fasst dieser gedanke den kern einer jeden um die darstellung der (menschenmöglichen) wirklichkeit bemühten künstlerischen anstrengung, hier: der literarischen. er benennt die quelle der motivation, besser: der notwendigkeit, welterfahrung (zeitgenössischer: lebenswissen) ästhetisch zu konkretisieren.


avec ma main brûlée, j'ai le droit maintenant d'écrire sur la nature du feu.

mit meiner verbrannte hand, habe ich nun das recht, über die natur des feuers zu schreiben.

gustave flaubert, correspondance



wer diesen satz googlet, stellt fest, dass es neben der bachmannschen und der von mora offenbar noch ein paar andere varianten dieses zitates gibt.

Mittwoch, 6. September 2006

proust schreibt

da ich gerade eine magisterarbeit schreibe, in der ich mich unter anderem mit terézia moras roman Alle Tage beschäftige, führte mich meine auseinandersetzung mit den dort zahlreich vorhandenen, narrativen anachronien zum meister aller klassen: dem strukturalisten und proust-exegeten gérard genette. in dessen begriffsbibel Die Erzählung (2. auflage, 1998, münchen: wilhelm fink verlag, eine studienausgabe, übrigens, mit bemerkenswert schlechtem lektorat...überall satz- und orthographiefehler) geht es um die literaturtheoretische ausformulierung so entscheidender definitionsgrößen wie erzählung (discours), geschichte (histoire) und narration (récit), unter denen sich dann wiederum ein meer von begriffen tummeln, die sich grob in ordnung, dauer, frequenz, modus und stimme unterteilen.

doch eigentlich wollte genette ja nur (nur!) prousts jahrhundertbuch auf der suche nach der verlorenen zeit auf seine für den modernen roman konstitutiven erzählverfahren hin untersuchen. folge für den leser: es wird ständig aus diesem mammutwerk (das ich natürlich, im gegensatz zum mutigen jochen schmidt NICHT gelesen habe) zitiert. eines dieser zitate hatte ich mir vor jahren schonmal angestrichen und finde es immer noch sehr, wie soll ich es sagen: erschütternd.


jemanden 'wiederzuerkennen' und mehr noch, ihn, den man nicht wiedererkennen kann, dennoch zu identifizieren, bedeutet, unter einer gleichen bennenung zwei konträre dinge zu denken oder zuzugestehen, dass das, was vorher an dieser stelle war - das wesen, an das man sich erinnert -, nicht mehr vorhanden, das hingegen, welches man vor sich hat, ein uns bislang nicht bekanntes wesen ist; es bedeutet, dass man an ein fast ebenso verstörendes geheimnis wie das des todes denken muss, für das es im übrigen etwas wie eine vorrede und eine ankündigung ist.

marcel proust, auf der suche nach der verlorenen zeit, s. 4044.


Freitag, 7. Juli 2006

bloch und brecht

habe gerade das literaturportal des deutschen literatur archivs marbach entdeckt. gut für literaturwissenschaftler, wenn auch als seite konventionell und etwas, nun ja, drüsch. aber auch die philologen müssen nicht jeden tag das netz neu erfinden.

viel wichtiger: das o-ton-archiv der seite. ich höre gerade dem sagenhaft schnorrigen ernst bloch dabei zu, wie er über brechts lyrik redet. stimme, timbre, ernsthaftigkeit einer anderen epoche, eines wahrhaft anderen jahrhunderts. so redet heute keiner mehr. keine akademische verschiebung des ausdrucks, kein verstecken des arguments, der position vor den worten eines uneindeutigen diskurses.

ernst bloch über bertold brecht

unglaublich: bloch bedient sich keines einzigen terminologischen fachvokabulars. er bleibt so nahe an den texten selbst wie an seiner eigenen lesart, alles hier ist sein persönlichster brecht. wie er sich selbst ins wort fällt! wie er erklärt! wie er DEMUT vor den texten zeigt, das ist große deutungskunst.

kein wunder, dass die tübinger studenten sich diesen mann auf ihre fahnen schrieben.

mehr zu bloch auf den seiten des ernst bloch zentrums in tübingen.

[bildquelle: wikipedia, http://hr.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bloch]

Dienstag, 6. Juni 2006

limo


heute wurde das erste reine literaturmuseum der welt eröffnet. und damit man es nicht mit seinen kindheitserinnerungen verwechselt, hat es große und kleine buchstaben bekommen: LiMo. literaturmuseum der moderne heißt das, und nicht etwa: kühl, sauer, transparent und süß.

wobei...kühl und transparent ist auch das LiMo. so jedenfalls die verzückten feuilletons in frischer schreiblaune, doch noch etwas vor der wm gefunden zu haben, das wieder einen guten aufmacher rechtfertigt.

deutschland ist also endlich erster geworden. erster in der kunst, aus manuskriptseiten, schriftsteller-skurilitäten und notizblöcken ein erfahrbares museales erlebnis zu machen.

und gleich danach der schock: soll es vielleicht auch schon das letzte seiner art sein? letzter hoffnungsarmer wille, eine memo- und schreibtechnik hinter der kunst aufzudecken, die schon jetzt historisch ist?

schwer zu sagen. denn natürlich schreiben viele schriftsteller auch heute noch einiges auf papier, anstatt den fertigen roman gleich in die tasten zu hauen (zumindest korrigieren sie ihre entwürfe per hand...oder?). und den ein oder anderen brief schreibt sich herr grünbein sicher noch mit herrn, sagen wir mal, handke (der braucht gerade ein wenig unterstützung).

aber im ganzen hat unser gültiger papierausstoß doch merklich nachgelassen. was tun? ein online-museum für die wichtigsten blogs des 21. jahrhunderts. ein blogoseum? und die emailkorrespondenzen? die unendlichen undo's, das namen- und ortlose drag and drop, copy and paste, die maßlosen formatierungsphantasien junger autoren, die besser am rechner als auf der straße unterwegs sind, wohin damit (in geschätzten siebzig jahren)?

keiner weiß es.

marburg hat vielleicht ein paar antworten. also hin da jetzt. der neckar soll ja ganz schön sein.

grünbein hat übrigens vor sechs jahren einen gedichtband mit heiner-müller-texten veröffentlicht. sein titel: ende der handschrift

Samstag, 27. Mai 2006

yoko tawada

gestern abend versammelten sich im rahmen des 72. internationalen pen-kongresses in der berliner französischen friedrichstadtkirche am gendarmenmarkt sechs der interessantesten zeitgenössischen autoren deutscher sprache:

  • Ilija Trojanow
  • Zsuzsa Bánk
  • Sherko Fatah
  • Emine Sevgi Özdamar (die übrigens "Össdamar", nicht "Ötzdamar" ausgesprochen wird...)
  • SAID
  • Yoko Tawada
warum gerade diese sechs? nun, weil sie a) auf deutsch und b) sehr gut schreiben. und vor allem: weil sie alle nicht hier geboren sind. also führt man sie zusammen, weil sie uns daran erinnern, dass deutschland ein einwanderungsland ist, schon seit jahrzehnten. und dass wir immer noch nicht gelernt haben, anstatt von migranten (die bestimmt bald wieder gehen) von Emigranten (die bleiben und hierhin zurückkommen wollen, immer wieder) zu sprechen.

politisch würde man jetzt sagen: "autoren mit migrationshintergrund". das klingt allerdings so, als wäre es eine latente warnung. fakt ist: wir haben noch keine sprache, um diese literatur zu klassifizieren und können uns durchaus damit begnügen, sie einfach: deutsprachige literatur :zu nennen. viel ist damit natürlich nicht gesagt. das war schon zu heines zeiten so.

oder wir bedienen uns der sprache von ottmar ette und nähern uns diesem schreiben an als einer literatur ohne festen wohnsitz. eine literatur der zwischenwelten.

hier entstehen zwischenwelten im schreiben. und in den zwischenwelten wird geschrieben, auf der reise, im pendeln, in der bewegung zwischen den koordinaten von herkunft, wohnort und sprache.

es waren die wundervolle und dem ganzen geschehen etwas entschwebende özdamar und vor allem yoko tawada, die dem gestrigen abend ihre besondere qualität verliehen haben.

yoko tawada, die zart, schmal und zurückhaltend auf ihrem stuhl saß und fast den gesamten abend ihre augen niedergeschlagen auf den tisch heftete. die umso mehr überraschte, als sie wie ein orakel anfing, auf die fragen des moderators zu antworten. aus der interessierten aufmerksamkeit im publikum wurde eine gespannte stille. eine frau, die kein wort zuviel sagt. eine frau, die verleitet zu glauben, beschützt werden zu müssen (obwohl ich viel jünger bin als sie, ging es mir so, bis sie anfing zu sprechen). eine frau, die aus einer ungewöhnlich souveränen inneren mitte spricht. mit einem starken eigenen rhythmus.

als sie gefragt wurde, wie sie sich dabei fühle, dass sie in new york niemand auf ihr (sichtbar japanisches) äußeres anspricht, in ihrer wahlheimat hamburg allerdings jeder, antwortete sie entwaffnend charmant: wenn man es positiv formulieren möchte, so tawada, könne man sagen, dass sich in den usa eben niemand für deine herkunft interessiert, wohingegen die menschen in der hansestadt gleich ein gespräch über japan anfangen und fragen stellen würden.

gelächter, erleichterung im publikum. keine deutschen-schelte. keine selbstkastei. und die fremdenfeindlichkeit in deutschland? die menschen seien eben oft nicht darauf vorbereitet, auf so vieles, dass sie fremd nennen, weil sie es nicht verstehen. dass die menschen angst hätten und überfordert seien. das wäre in japan doch nicht anders, nur müssten die japaner sich kaum dieser angst stellen, es gebe halt kaum nicht-japaner in japan.

sagte es, sortierte ihr manuskript und las und ich machte erneut die erfahrung, wie anziehend, wie geradezu körperlich gute kunst im moment ihrer aufnahme auf mich wirkt. tawadas sprache, ihr rasanter witz, ihre genauigkeit, in dem verzweiflung und schwerelosigkeit zwei aspekte der gleichen unbekümmertheit im umgang mit sprache sind, ihre eleganz.

beim herausgehen ein japanisches fernsehteam: ich improvisiere eine kleine hymne auf sie, will sie später um eine widmung bitten (das will ich selten), doch sie war schon verschwunden. draußen vor der kirche: pen-prominenz. von ihr blieb: die dezente präsenz großer sprachkunst. wie sie im kopf nachhallt.

Sonntag, 14. Mai 2006

galeano schreibt

heute, zum muttersonntag, ein paar sistemzeilen vom gewissensdichter lateinamerikas, eduardo galeano (der übrigens vor ein paar jahren ein sehr unterhaltsames und kluges buch zum fussball geschrieben hat, dt. titel: der ball ist rund und tore lauern überall).


el sistema

que programa la computadora que alarma al banquero que alerta al embajador que cena con el gerenal que emplaza al presidente que intima al ministro que amenaza al director general que humilla al gerente que grita al jefe que prepotea al empleado que desprecia al obrero que maltrata a la mujer que golpea al hijo que patea al perro.

eduardo galeano, dias y noches de amor y guerra




in diesem sinne: nicht so viel vor dem computer sitzen, sondern der mama zum blumentag gratulieren, bevor sie euch eins überbrät.


[literatur, eduardo galeano, uruguay, lateinamerika, el sistema]

Montag, 10. April 2006

Morabito escribe

el siguiente fragmento es el inicio de una fantástica composición asociativa acerca del tornillo pero comienza con un párrafo aclarando las profundas diferencias entre agua y aceite. blorges siente la urgente necesidad de compartir eso con ustedes:

el aceite es un agua con caderas, un agua impura que conoce el deseo, el tiempo y la muerte. en lugar de avanzar fluido y sin problemas como el agua, el aceite se insinúa y se contonea. mientras el agua, franca y anárquica, simplona y monótona, libera el mundo de todos su secretos, el aceite es un agua que carga con un secreto, un agua que se distrajo en algún recodo y desde entonces perdió su inocencia. es un agua "turbada".


fragmento de el tornillo
[caja de herramientas, 1989]